|
Das Lied des Ungeborenen
Nimm mich in deinen Schoß, Mutter Maria! Kalt ist es jenseits des geschützten Nestes, dort, wo dein Aortenrauschen rauscht. In den Tälern meiner Seele suche ich schon lange die sanfte Herberge, wo vor mir schon ein Bruder erblüht ist. Du hast schon begonnen, mir das Leichentuch zu weben, o Mutter, und doch – wie weit bin ich noch davon entfernt, mich in das mütterliche Wickeltuch zu hüllen! Auf meiner Stirn das Sonnenrad der Träume ist nur ein eiserner Ring. Noch immer keine Nachricht von dir. Deine feuchten Locken bitten dich, Brotkrumen von der Wärme deiner Finger zu werfen. Ich bin ganz verloren gegangen. Du, Gute, sammle mich ein! Ich verwelke unter den Palmen der Wüste, mein Fleisch – erbitte es von den Fleischfressern des Meeres; sie werden es an den Ufern ausschütten auf dein Zeichen. Satt gefressenes Rudel wachen über meine Knochen, und mein Haupt ruht zwischen den Kiefern des hungrigen Wolfes, müde vom ewigen Hetzen. Bald wird er seine Höhle erreichen. Kannst du ihn aufhalten? Nimm mich in deinen Schoß, Mutter Maria, und sing mir, wiege mich unter den Walnussbäumen unseres Hofes. Gib mir morgens eine Schale Milch, abends ein wenig Hoffnung mit den Sternen, und lass mich das Tomatenbeet jäten oder, wenn du magst, die goldene Wolle spinnen. Ich versuche, aus dem Traum zu treten, um den Himmel zu hüten; lass mich, Mutter, zwischen den Blumen unseres Gartens verweilen.
(Aus dem Band Die Welt kennenlernen 1998)
Traducere//Übertragung: MAXIMILIAN DENGG

|